Ev. Kirche Wendelsheim-Eckelsheim

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Wendelsheimer Kirche

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Inhaltsverzeichnis
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Die evangelische Martinskirche in Wendelsheim steht auf einer Anhöhe über dem Tal des Finkenbachs. Es ist nicht auszuschließen, dass an diesem exponierten Ort schon Kelten und Römer eine Kultstätte unterhielten.

Das Schild am Eingangsportal der Kirche weist auf den Namensgeber der Kirche hin. St. Martin kennt auch heutzutage noch jedes Kind. Am 11. November, dem Namenstag des Heiligen, finden bis heute Laternenumzüge und Martinsspiele statt, die vor allem an die Legende von der Mantelteilung erinnern und damit an das Leben und Wirken des Martin von Tours. Martin von Tours wurde später der dritte Bischof von Tours und starb in hohem Alter. Auch damit setzte er ein Zeichen, denn er war so der erste Heilige der westlichen Kirche, der nicht eines Märtyertodes starb.

Die Martinskirche kann allerdings gleichzeitig an den Reformator Martin Luther erinnern, denn der wurde am 10. November 1483 geboren und am folgenden Tag, dem 11. November auf den Namen des Tagesheiligen getauft wurde: Martin.

Kirche Wendelsheim Wendelsheimer Kirche im Winter


Aus der Kirchengeschichte

Kirche mit Fundamenten aus dem Mittelalter

Ursprünglich stand hier wahrscheinlich eine kleine Holzkirche. Der Turmsockel stammt in jedem Fall aus romanischer Zeit, etwa zwischen 1100 und 1150. Von der ehemaligen romanischen Kirche aus dem 12. Jahrhundert ist das Untergeschoß des Turms mit Chor und östlich angebauter Apsis bis in unsere Zeit erhalten geblieben.

Das alte Bauwerk mit einer Mauer und zwei Wehrtürmen lässt vermuten, dass die Kirche in früheren Zeiten den Einwohnern vorübergehend als Zufluchtsstätte diente, wenn raubende und mordende Horden das Land durchzogen. Im Mittelalter gehörte die Anlage zum Kloster Lorsch.

Lutherische neben Reformierten - eine explosive Mischung

Die Kurpfalz stellte in der Reformationszeit einen reformierten Pfarrer ein. Ziel des Schulunterrichts war die Unterweisung im Gottesdienst und in der Religion. Die lutherischen Wildgrafen waren jedoch die Ortsherren in Wendelsheim. Konflikte mit der Kurpfalz und dem reformierten Pfarrer waren damit unvermeidlich.

In Folge der "Wörrstädter Union" im Jahr 1822 schlossen sich jedoch alle rheinhessischen Gemeinden dem unierten Bekenntniss an. Die vorher selbständig nebeneinander existierenden protestantischen Kirchen (die lutherische und die reformierte) wurden zur "evangelischen Kirche" zusammengeschlossen.

Zeitweise bildete Wendelsheim nun mit Erbes-Büdesheim und Nack zusammen eine Pfarrei. Nach mehreren Strukturreformen sind heutzutage die Gemeinden Wendelsheim und Eckelsheim pfarramtlich miteinander verbunden.


Bauwerk - Die Kirche

Die erste Kirche wurde hier vermutlich schon gebaut, kurz nachdem sich die ersten Siedler  im Bachtal niedergelassen hatten. Es wird wohl eine einfache aus Holz konstruierte  Kirche gewesen sein.

Der steinerne Turm unserer heutigen Martins-Kirche gibt durch Mörtelreste von vormals angebauten Ziegeldächern Zeugnis davon, dass es sich beim jetzigen Anbau schon um das dritte Kirchenschiff handelt. Die vorletzte Kirche, über deren Entstehungszeit wir keine Kenntnis haben, die aber in der Reformationszeit schon gestanden haben muss, wurde im Jahr 1618 im Innern gründlich renoviert.

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts  war diese Kirche baufällig und angesichts „der starck angewachsene(n) evangelische(n) Gemeinde“ zu klein geworden. Über die Missstände teilt der Schultheiß in einem Bericht vom 29. Januar 1771 mit: „So müssen wir uns nunmehro höchlich beklagen, wenn unsere Kirche unter solchen erbärmlichen Umständen sich befindet, daß bey entstehendem Regenwetter unser Prediger nicht mehr trocken auf der Cantzel bleiben kann...“ In der zweiten Hälfte des Jahres 1782 wurde die verfallene Kirche abgebrochen und mit der Errichtung eines Neubaus begonnen, der schon ein Jahr später vollendet war.

Wegen des noch vorhandenen Beinhauses musste der Architekt Kunz das neue Kirchenschiff geringfügig aus der alten Längsachse rücken. Über diese neuerliche Baumaßnahme sind im Gemeindearchiv zahlreiche Unterlagen erhalten, so dass die Ereignisse aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts etwas leichter nach zu vollziehen sind.

Bevor jedoch das Kirchenschiff in Angriff genommen wurde, begann man 1775 den Turm zu sanieren und zu verändern. Wir müssen annehmen, dass er bis hierhin ein Satteldach trug, das durch zwei Bischhofshaubengiebel begrenzt war. Nun wurde das alte, schadhafte Dach entfernt, das Mauerwerk um einige Steinschichten erhöht und das Bauwerk durch eine barocke, mit Schiefern eingedeckte Haube bekrönt. Den Abschluss für den Turm lieferte der Kreuznacher Spenglermeister Pitzger zwei Jahre nach Baubeginn mit einem Knopf und Hahn auf dem Kirchturm.

Dann folgte wenige Jahre später die so sehr gewünschte Erneuerung des Kirchenschiffs. Pfarrer Laukhard vermerkt im Kirchenbuch, dass der Gottesdienst am 2. Februar 1783 „noch in der alten Kirche gehalten wurde, den 3 t. etc. wurde die Kirche abgerißen.“

An dieser so gewaltigen Baumaßnahme  konnten viele einheimische Handwerker und Fuhrleute partizipieren. Aber auch Fuhrleute aus Nachbargemeinden wurden beschäftigt.: „Den 14. May 1783 sind die Eckelsheimer zu Gaulsheim gewesen und haben Bauholz gelangt“. Der Wirth Carl Vogt stellte der Gemeinde in Rechnung, „waß die Nacker und Eckelsheimer Fuhrleut bey mir verzärt haben, da sie Holß zu dem Kirchen Bau gefahren haben: Erstlich zwei Kalbs Pratten von 23½ Pfund, jettes Pfund 14 Kreuzer und Zugeher Sallat dabey und drey Brott jettes 14 Kreuzer, zwölf Maß Wein, die Maß 16 Kreuzer, ferner haben die Steinbockenheimer bey dem Holß fahren verzärt ein Kalbs Pratten von 15 Pfund und Zugeher Sallat dabey, zwey Brott und zehn Maß Wein.“

Natürlich wurden, um Kosten und Mühe zu sparen, die Bausteine der abgetragenen Kirche beim Neubau verwendet. So sind an der heutigen Kirche Steine erkennbar, welche die Jahreszahlen 1576, 1624,1666 und 1685 tragen. Ein Quader trägt die Inschrift: ANNO 1576 DEN ERSTE TAG MAY WAR ES NIT FEIN DA ERFRON KORN UND WEIN.

Aus der neben der Baustelle liegenden Ziegelei lieferte „Ziegler Cornelius Backsteine an hiesigen Kirchturm“.

„Wegen der abgebrochenen Kirche“ wurden die Gottesdienste, wie Pfarrer Lauckhardt gelegentlich bei Tauf- oder Hochzeitseintragungen im Kirchenbuch vermerkt, im Versammlungs-Saal (zuweilen auch Bet Saal genannt) des herrschaftlichen Hauses, im hiesigen Rath-Hauß oder in der Schule gehalten.

In den 1840er Jahren wurden Pläne und Kostenermittlungen zur Wiederherstellung der Kirche ausgearbeitet. Der Kostenanschlag belief sich auf 2790 Gulden. Dabei sollten besonders die Fenster verändert werden: Der Mittelsturz der zehn Kirchenfenster, der die Fenster in zwei Öffnungen teilt, sollte entfernt werden, so dass eine lichte Höhe von 17 Fuß entstanden wäre, deren oberer Abschluss mit einem Kreisbogen überwölbt werden sollte. Nach dem noch vorliegenden Plan sollte im Innern der Kirche an beiden Längsseiten von der Orgelbühne bis zum Chor Emporen eingerichtet werden, wobei die auf einer Seite vorhandene  Empore abgebaut und erneuert werden sollte.

Wegen der eingetretenen politischen Ereignisse beschloss der Gemeinderat jedoch am 5. April 1848, „die Herstellung der Kirche wie solche projectiert worden, gänzlich zu sistieren“ (einzustellen), und nur die Orgel neu zu stimmen und sonst unentbehrliche Reparaturen vorzunehmen.

Nur wenige Jahre später, nämlich im Jahr 1852, wurden wieder, diesmal jedoch bescheidenere Reparaturarbeiten vorgesehen. Die Erneuerung der Kirche bezog sich hauptsächlich auf den Anstrich der Holzverkleidungen mit Ölfarbe.

Danach wurden in gewissen Zeitabständen immer wieder laufende Unterhaltungs- und Ausbesserungsarbeiten am Gotteshaus ausgeführt, die sich hauptsächlich auf Turm und Dach bezogen. Es dauerte jedoch viele Jahrzehnte, bis wieder eine größere Reparatur in Angriff genommen werden konnte. Nach einer baupolizeilichen Schließung der Kirche, wurde um die Jahreswende 1963/64 mit der Renovierung begonnen und die Arbeiten innerhalb neun Monaten fertiggestellt. Dabei wurde die alte Stummorgel entsorgt, die hölzerne Empore entfernt, die Fenster erneuert und eine Warmluftheizung installiert.


Ausstattung

Im Innern öffnet sich der Chor mit einem abgetreppten Triumphbogen mit seinen Polsterkapitellen zum angebauten Kirchenschiff. Der Chor hat Gratgewölbe über Fratzenkonsolen und an der Nordseite des Apsisbogen hat der Steinmetz das Relief eines lauschenden Engels eingemeißelt. In diesem Chor wird ein Weihwasserbecken aus der Zeit um 1520 verwahrt.

Bei ihrer Renovierung im Jahre 1618 erhielt die Kirche eine neue Kanzel und wurde ausgemalt. Das geht aus einem Brief hervor, den der Wendelsheimer Schultheiß Johannes Weißkopf an den Rheingräflichen Registrator Wolfgang Sohn schreibt:

„Nuhn habe ich ihme (dem Weißbinder) angezeigt, alß hernach volget, wie er sie außstreichen soll. Erstlich das Geschränk am Kor mit griner Farbe alß die Kanzel angestrichen worden, und das Kohr sauber weißen, mit Sprichen aus der Biebell beneben anmalen, sampt anderem Laubwerk mehr. Die Still dorinnen ebenmeßig mit Farb anstreichen, die gantze Borkirch ringesterumb grin, die Posten under der Borkierchen sauber gelb gefirnist, das Gebelk aber sauber geweißt, mit Farb und Laubwerk durchstrichen, die gantze Kirch inwennig sauber geweißt, sodan auch mit Sprichen auß göttlicher Schrift mit Farb anzustreichen.

Von dieser Innenausstattung ist jedoch nur wenig erhalten, da die Kirche mehrmals wegen Baufälligkeit renoviert werden musste.

Im Zuge ihrer Renovierung 1963/64 wurde von der Orgelbaufirma Ott in Göttingen eine neue Orgel mit 16 Register geliefert. Sie wurde mit dem Prospekt der alten Stumm-Orgel verkleidet und auf einer neuen, aus Beton gegossenen Empore, installiert. Zur Abgrenzung der Orgelempore zum Kirchenschiff wurden von dem Wormser Kunstmaler-Ehepaar Pallasch zehn Bildtafeln gestaltet die sich mit Themen aus der Bergpredigt befassen.

Ein von Gustel Stein in Mainz entworfenes und von der Firma Münch in Groß-Umstadt gefertigtes Glasfenster ziert den Chor.

Kanzel, Taufbecken und Altar wurden im Zuge der Renovierung in den 1960er Jahren z.T. durch die damalige Jugendgruppe neu gestaltet (Anstrich, Mosaike). Die Goldverzierung der Kanzel wurde erst später hinzugefügt.

Wendelsheimer Orgel

Orgel

In der 1782 erneuerten Kirche soll Stumm eine Barockorgel gebaut haben. Genaue Quellenangaben gibt es nicht. Der Orgelprospekt ist das Einzige, was von der ursprünglichen Orgel heute noch erhalten ist. 1928 setzte Förster und Nikolaus ein neues Werk in das barocke Gehäuse ein.

Die Orgel steht in der Mitte der Empore, der Spieltisch an der Seite. Das heutige Werk ist ein Neubau der Firma Ott (Göttingen) aus dem Jahre 1973. Die Orgel hat 16 Register, verteilt auf zwei Manuale und das Pedal.

Glocken

Der Turm der Martins-Kirche beherbergt drei Glocken. Die älteste und größte Glocke stammt aus dem Jahr 1699 und wurde von Johannes Schneidewind in Frankfurt gegossen. Sie ist ohne Krone 85 cm hoch, hat einen Durchmesser von 101 cm und die Tonlage "fis".

Während der Aufstockungsarbeiten am Kirchturms im Jahr 1775 ist eine Glocke in die Gießerei nach Worms transportiert worden um sie dort umgießen zu lassen. Der Grund für diese Maßnahme ist nicht überliefert, es könnte aber sein, dass sie bei den Bauarbeiten beschädigt wurde. Dem Peter Hahn, der für das Läuten der Rathausglocke zuständig war, ist im selben Jahr Lohn bezahlt worden, "für das läuten in die Kirche, als die Kirchenglocke zersprungen". Die Inschrift der neu gegossenen Glocke lautet: "Goß mich Georg Friedrich Schrader in Worms vor die Gemeinde Wendelsheim anno 1776."

Diese Glocke ist dann im 20. Jh. der Waffenschmiede des Weltkriegs zum Opfer gefallen.

Nach dem zweiten Weltkrieg wurden zwei neue Glocken bei der Glockengießerei Rincker in Sinn in Auftrag gegeben.

Die Einweihung der neuen Glocken fand am 28. September 1952 mit einem großen Umzug durch die Ortsstraßen, beginnend in der Rübenmühle, mit reger Beteiligung der Wendelsheimer Vereine und der Bürgerschaft statt. Bürger erinnern sich noch, dass die Glocken mit Seilen über die große Treppe vor dem Kirchenportal zur Kirche transportiert wurden.

Glocke 1 - kleine Glocke - Schlagton h' - gegossen 1952 bei Rincker in Sinn.
Inschrift: Christus spricht: Komm und folge mir nach, ich rufe die Jugend
Glockenname: Taufglocke

Glocke 2 - mittlere Glocke - Schlagton a' - gegossen 1952 bei Rincker in Sinn.
Inschrift: Christus spricht: Wer an mich glaubt, wird leben, obgleich er stürbe.
Zum Gedenken der Gefallenen und der Toten.
Glockenname: Ewigkeitsglocke

Glocke 3 - große Glocke - Schlagton fis' - gegossen 1699 von Johannes Schneidewind, Frankfurt am Main.
Inschrift: (auf der Glocke nicht vorhanden)
Amen, das ist: es werde wahr. Stärk unsern Glauben immerdar.
Glockenname: Glaubensglocke

Alle Texte über die Kirche sind in Zusammenarbeit und mit Texten von J. Schwind enstanden.

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