Ev. Kirche Wendelsheim-Eckelsheim

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Passiert-Notiert 2016 - Meet & Greet

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Meet & Greet in Wendelsheim - Flüchtlinge erzählen ihre Geschichte

Flüchtlinge aus drei Generationen sorgten am Mittwoch, den 20. Januar in unserer Gemeinde für Gänsehautmomente in dem bis auf den letzten Platz gefüllten Ev. Gemeindehaus in Wendelsheim. Viele waren gekommen, ehemalige und aktuelle Flüchtlinge, Neubürger und Alteingesessene, nahe und weiter entfernte Nachbarn. Gebannt lauschten die Zuhörer den dramatischen Geschichten und ließen sich hineinziehen in so manche bittere Erfahrung, aber auch die Hoffnungen der „alten“ und „neuen“ Flüchtlinge. Denn das Thema Flucht war schon immer aktuell, wie die vier Flüchtlinge aus Wendelsheim und Wöllstein deutlich vor Augen führten. Für die meistens arabisch sprechenden Flüchtlinge übersetzten dabei eine tunesienstämmige Wendelsheimerin und ein aus Ägypten stammender Wöllsteiner.

Eindrücklich berichtet zuerst die Wendelsheimerin Edelgard Heblich von ihrer Flucht aus Pommern während des Zweiten Weltkriegs. Als junges Mädchen hatte sie von einem Tag auf den anderen ihr Zuhause verlassen müssen. Wer Anspruch auf Pferd und Wagen hatte, durfte sich zu den Glücklicheren zählen, so die 78-Jährige, denn Panzer und Bomber hatten die Trecks der Flüchtlinge im Visier. Erst nach vielen Zwischenstationen kam sie schließlich in Wendelsheim an und ist geblieben.

So entschied sich auch die Wendelsheimer Familie Varmaz, die sich nur wenige Jahrzehnte später zur Flucht nach Deutschland gezwungen sah. In den 90ern tobte in Bosnien der Krieg und entzog der jungen Familie jegliche Lebensgrundlage. „Wir wussten nicht was kommt, wohin es geht und von der deutschen Sprache verstanden wir kein Wort“, so Rajka Varmaz, die mit 28 Jahren schweren Herzens ihre Heimat verlassen und damit verloren hatte. Sie kann sich gut in die Situation der neuen Flüchtlinge hineinversetzen, die zwar wie sie selbst „Glück und eine große Chance“ haben, aber dafür einen hohen Preis bezahlen mussten. „Es hat damals viele Tränen gegeben“, erzählt sie „und wer seine Heimat hinter sich lassen muss, vergisst das nie.“

Die beiden Wendelsheimerinnen machen mit ihren Geschichten Mut. Beide sind angekommen, ,,hatten Glück“, stehen mit beiden Beinen im Leben und haben immer wieder tolle Menschen getroffen, so dass sie ihre Chance nutzen konnten.

All das steht im Raum als nun zwei aktuelle Flüchtlinge ihre Geschichte erzählen. Stellvertretend für viele anwesende Flüchtlinge schildert der junge Syrer Abdul Rahman Alsabbagh die Umstände seiner Flucht. In seinem Heimatland war er vom Geheimdienst ausspioniert worden, schwebte deshalb in Lebensgefahr und musste das Land verlassen. Mehrmals saß er während seiner Flucht im Gefängnis und war nicht immer gut behandelt worden. Doch in Deutschland sieht er sich angekommen. Seit zwei Monaten lernt er Deutsch und konnte die Zuhörerschaft auch schon auf Deutsch ansprechen.

Der 20-jährige Somali Guled Ali Osman war vor zwei Jahren vor dem jahrelangen Krieg und der Terrororganisation in seinem Heimatland geflohen. Mit seiner Frau kämpfte er sich unter großen Gefahren sechs Monate lang bis nach Deutschland durch. Seine Geschichte erzählte er auf Deutsch, er lebt inzwischen in Wöllstein, ist Vater geworden und absolviert eine Ausbildung zum Altenpfleger.

Die anschließende Diskussion griff dann die Situation der Flüchtlinge. Der gastgebende Kirchenvorstand hatte alle ermuntert, sich rege zu beteiligen, sich zu begegnen, Ideen, Fragen und Anregungen zu diskutieren und die Einladung wurde angenommen. Beim gemeinsamen Essen von Rheinhessischen Kleinigkeiten und von den Flüchtlingsfamilien mitgebrachten orientalischen Spezialitäten, wurden rege Kontakte geknüpft.

„Ein gelungener Abend!“, befand Dirk Lammers, Mitglied des Vereins ‚Willkommen in Wöllstein‘. Der Verein hatte den von der Kirchengemeinde organisierten Abend sehr begrüßt, unterstützt und freute sich über den großen Zuspruch.

„Im besten Falle entwickeln sich diese ersten Kontakte und Ideen noch weiter, so dass Integration und Gemeinschaft auf lange Sicht gelingen kann“, so brachten die Mitglieder des Flüchtlingsausschusses der Kirchengemeinde das Ziel des Abends noch einmal auf den Punkt. Ein guter Anfang ist gemacht.

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